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Newsgames-Abend mit Marcus Bösch beim Journalistinnenbund Köln

Ich bin keine Gamerin, ich muss es einmal offen zugeben. Nicht, dass ich nicht gerne spielen würde: Zusammen mit Freunden, einen netten Abend lang, da dürfen die Spielregeln durchaus komplex sein. Ausschweifende Reisen in die Weiten des Online-Gaming hingegen sind nicht mein Ding. Am Rechner habe ich es gerne kurz und knackig. Deshalb war ich umso begeisterter, als ich von der Einladung des Journalistinnenbundes Köln zu einem Abend rund um Newsgames mit Journalist und Game-Designer Marcus Bösch hörte.

Marcus Bösch beim Newsgames Abend des Journalistinnenbundes

Marcus Bösch macht u.a. in Newsgames, foto: bk

Newsgames, das ist diese Art von Spielen, die es eigentlich gar nicht gibt. Oder soll ich sagen: die es noch nicht gibt, weil sie sich gerade erst selbst erfinden? Marcus Bösch definiert dieses unbekannte Genre wie folgt: Bei Newsgames handele es sich um »Spiele, die im journalistischen Kontext Verwendung finden und bei deren Erstellung journalistisch-ethische Grundregeln eingehalten werden«. Ferner orientieren sich Newsgames an journalistischen Darstellungsformen, können also das Äquivalent zu einer Nachricht genauso sein wie zu einem Kommentar. Nicht nur für den diplomierten Politologen eine spannende Angelegenheit, gilt es hier doch genauso wie beim Ansatz des game based learning, mit der Vermittlung von Information an die Begeisterungsfähigkeit von Spielern anzudocken.

Viel kann man darüber reden, Bedenken kann man dabei tragen – besser ist es jedoch, es einfach mal auszuprobieren. Sei es, indem man die wenigen bereits produzierten Newsgames einmal spielt und auf sich wirken lässt – oder indem man damit beginnt, sie selbst zu erstellen. So erzählte uns Marcus Bösch von der Entstehung seines Newsgames PRISM. Unter dem Motto »Lass uns doch einfach mal anfangen!« nahmen sich er und seine Kollegin von The Good Evil vor, innerhalb von vier Tagen ein kleines HTML5-basiertes Spiel zu programmieren. Wie der Zufall es so wollte, erschien just in jenen Tagen erstmals das Bild von Edward Snowden in allen Medien. Unter Nutzung der Schnittstelle von Instagram lautet seither die Aufgabenstellung für die PRISM-Spieler schlicht: Hilf der NSA und scanne weltweit Daten von Privatpersonen. Und weil Schießen den meisten Spielern mehr Spaß macht als Scannen, müssen hier die Privatbilder von Instagram-Nutzern abgeschossen werden. – Ich habe es ausprobiert und muss konstatieren: Ich bin der NSA definitiv keine Hilfe. Nicht dass man hier überhaupt einen Terroristen ausfindig machen könnte. Meine Trefferquote ist insgesamt einfach unfassbar schlecht.

Besser mache ich mich da schon als Piratin: In Cutthroat Capitalism, einem 2009 vom Wired Magazine entwickelten serious game, geht es um die Piraterie an der Küste Somalias. Ausgestattet mit $ 50.000 von den lokalen Stammesführern und anderen Investoren, gilt es, die Piratencrew durch Razzien in und um den Golf von Aden zu führen, andere Schiffe anzugreifen, sie zu erobern und erfolgreich Lösegeld zu verhandeln. Mann, das kann ich richtig gut! Fast genauso gut bin ich als Sweatshop-Managerin, die Fließband-Arbeiter bei der Produktion von Hüten oder T-Shirts antreiben muss. Als Rettungssanitäterin, die Patienten mit Herzattacke in das nächstgelegene Krankenhaus bringen soll, muss ich mich allerdings noch ein bisschen üben: Meine Überlebensquote bei Heartsaver ist nicht besonders gut; das Geräusch, das jeden Misserfolg kennzeichnet, ist allerdings auch zu schön.

Diskussionen kamen am gestrigen Abend auf, als es um Spielziele und ihre vermeintliche Übertragung in die reale Welt ging. Nehmen wir ein Spiel wie Gauging Your Distraction. Beim Autofahren nebenbei das Mobilphone zu betätigen, z.B. eine SMS zu schreiben, das wissen wir alle, ist nicht nur verboten, sondern auch sehr gefährlich. Wie gefährlich das sein kann, macht dieses Spiel erfahrbar. Nun stelle man sich vor, einer kommt, der ist tatsächlich extrem stressbelastbar und Held des Multitasking. Man könnte auf die Idee kommen, dass dieses Spiel solche Vertrter in ihrem Fehlverhalten als Autofahrer nur bestätigt. Für mich war diese Spielerfahrung jedenfalls eine, die mich eher darin bestätigt hat, das mit dem Autofahren besser ganz sein zu lassen.

Newsgames – ich bin gespannt, ob und wie sich diese junge Disziplin in den nächsten Jahren weiterentwickelt, und freue mich auf mehr knackig-kurze Spielmomente, die mir so manche Einsichten liefern!

 

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